Europa, Bildung und die Welt

Veröffentlicht am 30.06.2018 in Europa

Im Jahr 2000 einigten 164 Staaten auf sechs Bildungsziele, die bis zum Jahr 2015 erreicht sein sollten: Ausbau frühkindlicher Erziehung, Grundschulbildung für alle Kinder weltweit, Absicherung der Lernbedürfnisse Jugendlicher, Halbierung der Analphabetenrate unter Erwachsenen, Überwindung von Ungleichbehandlungen der Geschlechter und Verbesserung der Bildungsqualität. Aus unserer Sicht ist das sicher kein Luxus, worauf man sich hier einigte.

Nur ein Drittel der Staaten erreichte diese sechs Ziele. Nur in der Hälfte dieser 164 Länder erhalten Kinder eine Grundschulbildung. Aktuell haben 264 Millionen Kinder weltweit keinerlei Zugang zu Bildung -Null! Bemerkenswert ist, dass zwischen 2010 bis 2015 der Bildungsanteil in den Geldern für Entwicklungszusammenarbeit weltweit um 10 % sank. Bildungsausgaben machen gerade einmal knapp 7 % der Entwicklungsgelder aus. Das ist das Gegenteil von Fluchtursachen bekämpfen.

Laut jüngsten UNESCO-Zahlen könnte man mit 39 Milliarden US Dollar jährlich weltweit eine hochwertige und chancengerechte Bildung etablieren. Klingt nach viel Geld? Anfang Oktober bis Ende Dezember 2015 erzielte Apple einen Gewinn von 18 Milliarden Dollar; die asylbedingten Kosten betrugen in 2017 umgerechnet ungefähr 25 Milliarden Dollar - nur im deutschen Bundeshaushalt (ohne Länder und Kommunen). Nach allem wäre bei den 39 Milliarden Dollar meines Erachtens das Wort „Vogelschiss“ angebracht, da es global hochgerechnet den Tatsachen entspricht.

In den Nachhaltigen Entwicklungszielen bis 2030 hat sich die Weltgemeinschaft erneut auf Bildungsziele verständigt: „Bis 2030 für alle Menschen inklusive, chancengerechte und hochwertige Bildung sowie Möglichkeiten zum lebenslangen Lernen sicherstellen“ ist Ziel Nummer 4, aufgegliedert in Unterzielen, die die sechs früheren wieder aufgreifen, sie ehrgeiziger formulieren mit Blick auf die Bildungsqualität und um Durchlässigkeit des Bildungssystems sowie um die Bildungsaspekte Nachhaltigkeit, Wertschätzung kultureller Vielfalt und Inklusion ergänzt. Das Ziel gilt seit 1.Januar 2016, 193 Mitgliedsstaaten zählen die Vereinten Nationen. Die jährlichen Weltbildungsberichte der UNESCO evaluieren das Erreichen dieses Ziels. Ich darf hier rhetorisch fragen: Muss ich die jüngsten hier darstellen oder ahnt die geneigte Leserschaft worauf ich mit einem beeindruckenden Faktenbombardement hinaus möchte:

Wir stecken global, europäisch, national und auch regional in einer Bildungskrise. Dies wird daran deutlich, dass Wunsch und Wirklichkeit immer weiter auseinanderklaffen. Wären wir aber bereit, tiefgreifende systematische Veränderungen in den Bildungssystemen jetzt vorzunehmen, könnten wir

  1. die Flüchtlingsströme weltweit  mittel- und langfristig deutlich reduzieren;
  2. die weiteren Nachhaltigen Entwicklungsziele bis 2030 sehr viel eher erreichen;
  3. mittelbar den Klimawandel drastisch abmildern und
  4. soziale und gesellschaftliche Teilhabe jedes Einzelnen in einer digitalisierten Welt sicherstellen.

Kurzum die Welt retten. Die Reaktion auf diesen Artikel dürfte aber sein, dass das ja alles ganz nett klingt, wir aber ansonsten so weiterwurschteln und erstmal schauen, wie wir aktuell Unterrichtsausfall abmildern.

Natürlich ist der Unterrichtsausfall an Oranienburgs Schulen wie an Schulen in ganz Brandenburg ein Problem, ein schwer zu lösendes dazu. Und dennoch muss Bildungspolitik endlich anfangen über Mangelverwaltung hinauszugehen. Diese Forderung ist nicht unverschämt, sie ist notwendig. Anfang des Jahres durfte ich an einer Länderkonferenz unserer bildungspolitischen Sprecher*innen teilnehmen. Ich habe mich gefreut, dass ich europäische Vorhaben zur Schaffung eines Bildungsraumes bis 2025 vorstellen konnte. Dann hörte ich mir die Berichte aus den Ländern an: Mangel an Bildungsräumen, Mangel an qualifiziertem Bildungspersonal in Schule und Hochschule und ganz große Hoffnung auf Besserung seitdem es Bund und Ländern endlich erlaubt ist zusammen zu arbeiten. Um nicht falsch verstanden zu werden: Alle unsere bildungspolitischen Sprecher*innen leisten einen tollen Job - aber ihre ganze Energie wird am Ende darauf verwendet „irgendwie klarzukommen“. Das steht unausgesprochen aber spürbar im Raum und ist für sie genauso frustrierend wie für Lehrer*innen, Erzieher*innen, Professor*innen häufig die tägliche Arbeit ist.

Und dann komm ich und erzähle was von notwendiger verstärkter gegenseitiger automatischer Anerkennung von Schul- und Hochschulabschlüssen, größerer Anstrengungen in digitaler Bildung und dem Erfordernis mindestens zwei fließend beherrschter Fremdsprachen bei Abiturient*innen. Ich kann es niemandem vergällen, dass dies alles als Luxusproblem freundlich zur Kenntnis genommen wird. Dennoch ist es politisch geboten auf die Erreichung der weltweiten wie der europäischen Benchmarks zu bestehen. Alle diese Ziele oder Wünsche hat sich nicht ein Haufen Verrückter ausgedacht, die kiffend tagein tagaus Schüler*innen, Lehrer*innen, Eltern und Bildungspolitiker*innen am besten gängeln könnte. Jedes Einzelne dieser Ziele ist Ergebnis endloser Untersuchungen und durchweg aus der Perspektive formuliert was man tun müsste, dass es uns zukünftig nicht schlechter geht. Ich schreibe hier ganz bewusst nicht das Wort „besser“. Die Äußerungen, wir müssen das Bildungssystem „revolutionieren“ häufen sich.

Dazu ein Selbstversuch: Ich bin Jahrgang 1976, damit Abitur 1994, jetzt 42, mitten im Beruf. Mir wurde 1993, Informatik Klasse 11, nicht etwa beigebracht, wie man die politische Kommunikation auf einer Homepage oder auf Facebook optimiert. Wie auch? Facebook war erst zehn Jahre später in seiner Entwicklung.

Digitalisierung verändert Bildung so tiefgreifend, dass schon seit mehr als einem Jahrzehnt keine Bildungseinrichtung mehr garantieren kann, dass das, was als Wissenskanon vermittelt wurde und nach wie vor wird, ausreicht, um beim Lernenden über künftige Jahrzehnte hinweg ganz grundsätzlich ein Auskommen durch eine reguläre Berufstätigkeit abzusichern. Und diese Zyklen werden sich künftig noch stärker verkürzen. Die Grundzüge deutscher Schulcurricula lassen sich auf die Einführung der allgemeinen deutschen Schulpflicht 1919 zurückführen. Das ist 100 Jahre her.

Natürlich wird man weiterhin Lesen, Schreiben und Rechnen müssen. Beeindruckend fand ich es aber zu lesen, dass die High-Tech-Mogule aus dem Silicon Valley seit nunmehr sieben Jahren auf eine nahezu technikfreie Schule schicken[1] ohne Lehrplan, Prüfungen, Noten. Vermittelt wird wie man selbst ein Problem erkennt und dies gemeinsam löst, es gibt weder Whiteboards noch „Jedem Schüler sein Laptop“, denn Technik soll nicht ablenken sondern ganz zielgerichtet als ein mögliches Mittel zur Problembewältigung erkannt werden. Das Prinzip dahinter verstehen und entdecken, den Blick fürs Wesentliche üben, im Team das erkannte Problem lösen -das wird konsequent niedrigschwellig und von Anfang an vermittelt. Warum ist das so wichtig? Weil Digitalisierung größtmögliche Vielfalt und Vervielfältigung bedeutet, was aber zunehmend den Blick für das dahinterstehende Prinzip „vernebelt“. Was macht Netflix? „Der größte Serienanbieter“ „Der erfolgreichste Filmproduzent“. Quatsch. Netflix vermarktet weltweit ein all-you-can-eat-Abo für 8 bis 14 Euro monatlich. Wäre darüber der Vertreib von Käse einträglicher, wäre es Käse frei Haus, würden die Menschen das Vorlesen von Zeitungen lieben bei noch besserem Gewinn, dann bitte eben das.

Wir müssen bereit sein ganz offen zu debattieren, was aus heutiger Sicht die Bildungsinhalte sind, die in dem nicht erweiterbaren Zeitraum von 13 Schuljahren wie vermittelt und wie evaluiert werden. Und was vor der Schule so gebraucht wird und nach der Schule besonders nachhaltig im Gedächtnis leiben muss. Was hilft jungen Menschen auch in 30 Jahren noch sowohl im Beruflichen als auch im Privaten? Wie sieht die richtige Balance zwischen einem Grundkanon an Wissen in Mathematik, Naturwissenschaften, Sprachen, kultureller, historischer, politischer und körperlicher Bildung im Verhältnis zu non-formalen und informellen Bildungskompetenzen aus? Und wir müssen erkennen, dass mir Schule niemals meine „digitals skills“ für meine restliche Zukunft vermitteln kann, da diese sich mit der Technik weiter ändern und immer spezifischer werden. Sie kann mir aber sehr wohl beibringen, wie ich mir mein restliches Leben lang neue skills, neues Wissen und neue Fähigkeiten sowohl selbst als auch grenzüberschreitend im Team beibringen sowie anderen vermitteln kann.

Das ist eine Mammutaufgabe. Man soll nicht an ihr verzweifeln. Vielleicht kann man sie besser lösen, wenn ganz bewusst regional, national, europäisch und international vernetzt daran gearbeitet wird. Gute Lösungsansätze finden sich in Brandenburg, in Deutschland, der EU und weltweit, der eine Guss fehlt, weil wir allzu gern über dieses Lieblingswort „Subsidiarität“ stolpern.

Es gibt so dermaßen viel und Großes in der Bildungspolitik zu gestalten, dass ich es wirklich nicht verstehen kann, warum es denn so schlecht ist, eine automatische gegenseitige Anerkennung von Bildungsabschlüssen innerhalb der EU zuzulassen, wie es die Europäische Kommission gerade vorschlägt. Da beabsichtigt nun der deutsche Bundesrat nach Brüssel folgendes zu schreiben: „Der Bundesrat betont, dass gemäß Artikel 165 AEUV Maßnahmen der EU im Bildungsbereich die Tätigkeit der Mitgliedstaaten unter strikter Beachtung der Verantwortung der Mitgliedstaaten für die Lehrinhalte und die Gestaltung des Bildungssystems nur unterstützen und ergänzen. Folgerichtig weist die Kommission auch darauf hin, dass der vorgelegte Vorschlag unverbindliche Instrumente beinhaltet. Diese Unverbindlichkeit ist allerdings nicht mit einem gleich-zeitig ausgerufenen verbindlichen Ziel der Erreichung einer automatischen gegenseitigen Anerkennung von Abschlüssen bis zum Jahr 2025 vereinbar.“ Das ist so kleines Karo im Verhältnis zu dem hier seitenweise dargelegten notwendigen Änderungen im Bildungsbereich! Wenn irgendein Bildungsminister glaubt, er müsste mit dem Subsidiaritätsschwert gegen europäische Zusammenarbeit kämpfen und annimmt, dass bayerische oder eben deutsche Abiturabschlüsse eben von Natur aus besser seien als polnische oder wegen mir belgische, irrt nicht nur, sondern verschwendet sträflich seine Ressourcen.

Halten wir fest: Anstatt gemeinsam (damit meine ich weltweit) Konzepte zu entwickeln, wie sowohl bei uns als auch in 192 anderen Ländern dieser Welt das nachhaltige Entwicklungsziel Bildung sowie europäische Vorschläge für Bildungsziele erreicht werden könnten, Bildung ganz generell im politischen Gesamtgefüge den Platz bekommt, der ihr überfällig zusteht und die Bildungsinhalte wirklich konsequent und nachhaltig gedacht an Digitalisierung anzupassen rufen wir nach Brüssel vereint Subsidiarität, weil Gestaltungsverlust bei der Anerkennung von Abschlüssen droht?

Genoss*innen, das können wir besser! Wenn wir endlich nur bereit wären gemeinsam eine wirklich große Bildungspolitik und Bildungszusammenarbeit auch über den nationalen, ja sogar europäischen Horizont hinaus zu gestalten und dort wirklich hinein zu investieren - es wird uns in jedem anderen Politikfeld mehrfach positiv zu Gute kommen, egal ob Klima Wirtschaft, Migration, Soziales und vieles andere mehr.

Zielgerichtetes Regierungshandeln ist dabei absolute Voraussetzung für Bildungserfolg. Nur wenn Regierungen auf der ganzen Welt ihrer Pflicht zur Gestaltung der Rahmenbedingungen für eine hochwertige Bildung nachkommen, können Lehrkräfte angemessen lehren und Schülerinnen und Schüler ausreichend lernen. Oft wird den Lehrkräften die Schuld für Bildungsmisserfolge gegeben. Wir sollten jedoch vor allem einen Blick darauf werfen, welche Ursachen im Bildungssystem bestehen. Bildungssysteme weltweit müssen mit Blick auf Chancengerechtigkeit und Qualität gestaltet werden.“ (Walter Hirche, Vorstand deutsche UNESCO Kommission - Partei und Brandenburg-Bezug finden sich bei Wikipedia ;)

 

Glück auf!
Tino Kunert

 

* ist nicht so schlecht zu schreiben, wie teilweise behauptet wird

 
 

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